Die Studienreise nach Minas Gerais sollte vom 13. bis zum 27. April stattfinden. Für eine Verlängerung des Aufenthaltes bis zum 5. Mai entschloss sich mit mir das Ehepaar Klara und Herbert. Wir hatten daher drei Wochen zur Verfügung.
Die Reise organisierte der Leiter eines Vereines für Mineraliensammler, dem das genannte Ehepaar und ich angehörten. Insgesamt waren wir etwa 15 Personen, die an dieser Exkursion teilnahmen. Wir sollten mit der ALITALIA fliegen, doch in Italien wurde an diesem Tag wieder einmal gestreikt. So gab es gleich zu Beginn Hemmnisse. Nach einer stundenlangen Wartezeit flogen wir mit der AUA zur Übernachtung nach Rom.
Am nächsten Morgen brachte uns ein Flug von Rom nach Mailand. Von dort reisten wir mit der ALITALIA nach Rio de Janeiro in Brasilien weiter.
Zur Begrüßung fand beim Anflug auf Rio ein Gewitter statt. Für mich waren die außergewöhnlichen Turbulenzen ein erstmaliges Erlebnis. Der Einfachheit halber wird die Stadt nur RIO genannt. Der volle Name bedeutet „Fluss des Januar“.
Eine Anspielung auf den Januar des Jahres 1503, als portugiesische Seefahrer die breite Guanabarabucht irrtümlich für eine Flussmündung hielten. „Gott hat die Welt in sechs Tagen geschaffen, den Siebenten widmete er der Entstehung von Rio, so beschreiben die Bewohner die Schönheit ihrer Stadt. Die Einwohnerzahl Rios wird auf 5,85 Millionen Menschen geschätzt. Eine 14 Kilometer lange Brücke überspannt die Guanabarabucht und verbindet Rio mit Niteroi auf der Gegenüber liegenden Seite.
Durch die Geldumwechslung, die gleich nach der Landung bei einem Juwelier erfolgte, wurden wir zum ersten Mal „Millionäre“ in der damaligen Landeswährung. Die Noten zu 1000 und 5000 Cruzeiros verstaute ich in einem selbst angefertigten Stoffgürtel um meine Leibesmitte. Mit den Centavos genannten Münzen rechnete man nicht mehr.
In einem kleinen Hotel in der Stadt bezogen wir für eine Nacht Quartier. Wir sollten aber nach unserer Rundreise, die am nächsten Tag begann, wieder dort zurückkehren. Das Leitungswasser roch und schmeckte nach Chlor. Über die Vorsichtsmaßnahmen beim Genuss von Nahrungsmitteln informierte uns unser Leiter, ein Lehrer, eingehend. Er hatte begründete, doch allzu große Angst vor Infektionen und spülte spornstreichs nach dem Essen mit einem alkoholischen Getränk seinen Mund aus. Wenn etwas mehr davon dabei irrtümlich in seine Kehle gelangte, tat er sich später beim Reden meist schwer. Aber nur er allein von unserer Gruppe konnte sich mit den Brasilianern sprachlich verständigen.
Das war seine fünfundzwanzigste Reise nach Brasilien. In Österreich hatte er schon mit seinen Kristallen, die er aus diesem südamerikanischen Land mitgebracht hatte, ein kleines Museum eingerichtet. Brasilien zählt zu den an Bodenschätzen reichsten Ländern der Erde.
Von Naturkatastrophen wie Erdbeben, Taifun und Hurrikan hört man kaum etwas. Es ist ein Land ohne Terroristen oder Fanatiker, nicht wie etwa in den arabischen Ländern, und es kann mit der schönsten Strandzone der Welt aufwarten. Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist enorm. Ungeachtet wirtschaftlicher Probleme zeigen immer mehr Investoren (auch Deutsche, Österreicher und Schweizer) Interesse am brasilianischen Markt.
Am zweiten Tag kamen wir nach einer zehnstündigen Fahrt von Rio in Governador Valadares an. Die Stadt liegt im Bundesstaat Minas Gerais.
Ein dortiges Hotel wurde Ausgangspunkt für unsere Exkursionen. Im Ort selbst besuchten wir eine Schleiferei und Händler, die große Kristalllager besaßen. In der nahe gelegenen Mine Golconda fanden wir schwarze Turmaline.
Tags darauf brachte uns ein Bus nach Teofilo Otoni und ein Taxi 30 Kilometer weiter nach Itambacuri zur Fazenda des Besitzers der Turmalin-Mine „Santa Rosa“.
Abends gab es ein Spießbratenessen in einer Churrascaria.
Bevor wir nach Governador Valadares zurückfuhren, machten wir noch einen Abstecher zum brasilianischen „Edelsteinkönig“ Jacinto Ganem Neto in Teofilo Otoni. Was wir hier an Edelsteinen zu sehen bekamen, ist unbeschreiblich.
Sogar im Pflaster der Gartenwege hatte Jacinto kostbare Edelsteine einsetzen und am Rand große Kristalle aufstellen lassen.
In Governador Valadares fand am Ostersonntag ein Stadtumzug statt. Die Teilnehmer waren bunt gekleidet und verliehen dem Ganzen einen Disneyland-Charakter.
Am Ostermontag trafen wir uns mit Josef, einem dem Reiseleiter bekannten Tschechen, der sich nach Portugal in Brasilien niedergelassen hatte. Er besaß mit seiner Familie am Rande von Governador Valadares ein Haus mit Garten, wohin er uns einlud und mit Kokosmilch, die wir mit Strohalmen aus den frisch geernteten und geöffneten Nüssen trinken konnten, bewirtete.
Für Klara, Herbert und mich besorgte Josef günstig Tickets für einen Flug nach Iguassu. Dort wollten wir am nächsten Montag die berühmten Wasserfälle besichtigen.
Die anderen Reiseteilnehmer traten inzwischen ihre Rückreise nach Rio und weiter nach Wien an.
Die nächsten zwei Tage verbrachten wir mit Josef. Die von ihm neu gebildete Gruppe bestand, außer uns, nun aus Personen verschiedener Herkunft.
Mit ihm als ortskundigem Leiter einer abenteuerlichen Fahrt schafften wir auch, aufgeteilt auf drei Personenkraftwagen, die Überquerungen von alten Brücken, die nur aus beweglichen Balken und Pfosten bestanden, und durchfuhren gerodete Urwaldgebiete, aus denen nur einzelne, stehen gebliebene Urwaldriesen mahnend herausragten. In Jose de Safira übernachteten wir in einer als Hotel bezeichneten Unterkunft. Hier machte ich erste Bekanntschaft mit dem köstlichen Geschmack des Zuckerrohrs und des daraus gebrannten Schnapses, dem „Cachacha“. In den nach oben offenen Zimmern waren Räucherstäbchen aufgestellt, die Stechmücken vertreiben sollten. Im Garten einer Apotheke in Corrego Rozeno sah ich die ersten Kakaobäume, in deren Früchten sich 30 bis 50 Samen, die Kakaobohnen, befinden.
In einem schuppenartigen Gebäude hob Josef einen Stein vom Boden auf, unter dem in einer Mulde eine Vogelspinne saß. Ein nettes Tier.
Vom Hotel in Sao Jose Safira verabschiedeten wir uns und besuchten noch zwei Minen. In einer gingen wir auch unter Tag, wo wir zwei Männer bei ihrer mühsamen Arbeit in sauerstoffarmer Luft und feuchtem Klima beobachten konnten.
In der Fazienda Bonito lernten wir viele exotische Früchte kennen und sahen, wie sie wuchsen. Mangos, Abacates, Cajus und andere, vor allem aber Kaffee. Nach Besuchen der Fazendas Napolear, Lopes und Ohveera fuhren wir wieder nach Governador Valadares und benützten anschließend den Bus zurück nach Rio.
Bis Montag blieben wir noch in Rio und gingen unter anderem in das Historische Museum und in den Botanischen Garten. Unter den vielen exotischen Pflanzen fanden wir ein besonderes Fotomotiv: die Seerose „Victoria Regia“ mit ihren riesigen, pfannenförmigen Schwimmblättern. Die weißen und rötlichen Blüten, werden etwa vierzig Zentimeter groß. Die Früchte sind faustgroß und stachelig. Die schwarzen Samen, die man auch Wassermais nennt, sind essbar.
Am Montag der dritten Woche traten Klara, Herbert und ich mit der VARIG unseren fakultativen Zweitagesausflug nach Foz do Iguacu (Iguassu) an, wo Brasiliens, Argentiniens und Paraguays Grenzen aneinander treffen. Hier befinden sich auch die berühmten Wasserfälle des Iguassu-Flusses, die zu den großen Naturschauspielen der Welt zählen. Auf mehr als drei Kilometern Breite stürzen über zwei Basaltstufen an 275 verschiedenen Stellen die Fluten 60 bis 70 Meter in die Tiefe. Der Wasserfall oberhalb des Zusammenflusses von Iguaçu und Paraná ist von brasilianischem Regenwald umgeben. Das Ökosystem ist seit 1998 durch die Inbetriebnahme des Staudammes Salto de Caixas und die Reduzierung der Durchflussmenge von 7000 Kubikmeter pro Sekunde auf 2300 Kubikmeter gefährdet. Mit dem Bau des Itaipu-Staudammes am Rio Parana wurden aber erhebliche Fortschritte der Nutzung von Wasserkraft erzielt. Das 1991 in Betrieb genommene Gemeinschaftsprojekt mit Paraguay ist das größte Wasserkraftwerk der Welt. Am Weg zu den Wasserfällen fotografierte ich ein Gürteltier und verschiedene, meist metallisch-blau glänzende Schmetterlinge. Auf einen Rundflug mit dem Hubschrauber verzichtete ich aus finanziellen und zeitlichen Gründen. An einer Stelle erhielten wir einen wasserdichten Mantel mit einer Mütze geliehen. So einigermaßen von dem dauernden Sprühregen geschützt, erreichten wir über einen Steg etwa die Mitte des nach einem Wasserfall abströmenden Wassers.
Wir übernachteten im alten Hotel „Cataratas“ im Nationalpark von Iguassu. Hier machten wir eine erste Bekanntschaft mit Termiten, die sich just einen Weg zum Hoteleingang bahnten. Während wir dort im Gespräch vertieft standen, waren wir plötzlich von diesen Insekten umringt. Herbert, der am meisten von ihnen befallen wurde, versuchte die lästigen Tiere abzuschütteln, indem er von einem Bein auf das andere hüpfte. Als es nichts nützte, stellte er sich unter eine Dusche. Am nächsten Tag, dem 1. Mai, mussten wir den Rückflug nach Rio antreten.
Vom 2. bis 4. Mai waren wir wieder in Rio, wo wir eine Stadtrundfahrt unternahmen. Auf den 704 Meter hohen Corcovado mit der großen Christusstatue fuhren wir mit einem Taxi und auf den 390 Meter hohen Zuckerhut mit der Seilbahn. Während ich mich am ersten Tag am Strand (Copacabana) mit Klara unterhielt, wurde uns eine Stofftasche gestohlen. Plötzlich sah ich in einem Seitenblick einen Dieb mit unserer Tasche in der Hand davonlaufen. Sofort nahm ich die Verfolgung auf, woraufhin er die Tasche zu Boden warf. Da ich in meiner Verfolgung inne hielt, nahm der Dieb die Tasche wieder auf, holte irgendetwas heraus, ließ die Tasche wieder fallen und lief endgültig davon. Nachher bemerkte ich, dass eine billige Armbanduhr meines Freundes Herbert fehlte. Das war meine Bekanntschaft mit der Kriminalität in Rio. Angeblich sollen heute Touristen in Brasilien sicherer leben als etwa in den Großstädten der USA. Allerdings starben in Sao Paulo im Jahre 1999 mehr Menschen an Gewaltverbrechen als im Krieg in Jugoslawien!
Im Landesinneren gibt es praktisch keine Kriminalität. In den Großstädten ist in der Nacht Vorsicht geboten. Besonders, wenn man mit dem Auto bei Dunkelheit unterwegs ist und bei Rotlicht an der Kreuzung stehen bleiben muss ...
Brasilien ist für Touristen nicht gefährlicher als für Brasilianer. Einheimische gingen mit einer Badehose bekleidet und mit einer Zeitung in der Hand zum Strand.
Bargeld sollte man besser im Hotelsafe lassen, was ja auch in anderen Ländern schon überall üblich ist. Reiseschecks sind zwar sicher, man kann sie aber nur in der Zentrale der „Banco do Brasil“ in jeder Hauptstadt eines Bundesstaates eintauschen! Kreditkarten werden fast immer akzeptiert und funktionieren auch bei den Bankomaten. Der Wechselkurs des brasilianischen Real hängt vom Dollar ab, was bewirkt, dass importierte Waren oft sehr teuer sind. Das Durchschnittseinkommen des Brasilianers ergibt sich aus dem Salario Minimo, dem garantierten kollektivvertraglichen Mindestlohn. Es betrug vor kurzem 185 Real, der jetzigen offiziellen Währung. Mit Berücksichtigung der Inflation seit 1994 (1 Real war damals 1 US-Dollar) müsste das Mindesteinkommen 942,76 Brazilian Real betragen. Immerhin leben 53%, das sind ca. 80 Millionen Menschen, vom Salario Minimo! Am 23.Dezember 2003 waren 100 $ gleich 350,11 Real. Vor der Wirtschaftskrise war ein Euro etwa 2,70 Real wert.
An den Hängen ringsum von Rio de Janeiro stehen die armseligen kleinen Hütten der Favelas des Armenviertels, die wir kurz mit dem Taxi besuchten. Aus allem möglichen auftreibbaren Material sind die Unterkünfte notdürftig zusammengezimmert, ohne Strom- und Wasseranschluss, ohne Kanalisation und Abfallbeseitigung. Die Armen suchen die Nähe der Reichen, um von ihnen als Kellner, Hausmädchen oder Schuhputzer das Minimum zum Überleben zu erhalten. Zwar versucht die Regierung immer wieder, die Situation trotz leerer öffentlicher Kassen zu entschärfen, doch der schier unaufhaltsame Strom neuer Zuwanderer macht das Unterfangen nahezu aussichtslos. Am schlimmsten betroffen sind diejenigen, die heute nur noch Platz für eine ärmliche Hütte in den feuchten Niederungen nördlich der Stadt finden. Sie sind zu weit weg von dem Geld der Reichen und der Hilfe von Ärzten, um die Kinder und Alten vor den epidemieartig auftretenden Infektionskrankheiten zu schützen.
Am Abend des vorletzten Tages besuchten wir von 22.00 bis 01.00 Uhr die Samba-Show „Platforma“ . Ein Bus brachte uns vom Hotel dorthin und wieder zurück. Der letzte Tag war für alle ein Einkaufstag in Rio.
Der Rückflug mit der ALITALIA brachte uns erst einen Schrecken, dass wir nicht mitkommen könnten, und dann eine verspätete Landung ein ...
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