Eine Reisegeschichte von Gert Richter
Diese Geschichte findet sich in leicht veränderter Form auch in dem Roman von Gert Richter Das Rote Pferd

Honolulu - Strand von Waikiki
"May I 'ölp you?" Sie ist vor zwanzig Jahren aus Paris gekommen, hat geheiratet, Kinder gekriegt, ist Amerikanerin geworden und doch Französin geblieben, mit Haut und Haar und Herz. Ein Gesicht wie eine Biographie, weiß gepudert, Wangen rouge, altblondes Haar zum Turban toupiert, zu eitel, die wohlverdiente Brille zu tragen - Toulouse-Lautrec hätte sie schöner nicht zeichnen können: Madame, ein Anachronismus mit Strickzeug
17 Düsenstunden von Paris entfernt sitzt sie nun hier in Honolulu in einer jener Vier-Quadratmeter-Boxen, die auf allen Flughäfen der Welt als Büro herhalten müssen. Madame ist die offizielle Touristeninformation im Airport. Jedenfalls eine davon. Man hat sie weitab vom Schuß plaziert, außerhalb der Haupthalle. Kaum einer verirrt sich mal hierher. Sie hat nichts zu tun, und was tut sie infolgedessen? Sie strickt.
Endlich kommt mal wer. Sie darf die Wolle beiseite legen und mit jemandem parlieren. Nein, sowas! Aus Dschörmahnie! Ob wir denn auch schon mal in Pariiih gewesen seien? Wirklich? Nein, was nette Menschen! Und sprechen sogar un peu französisch, hier in 'onolülü, Sonnabend nachmittag um drei! So eine Freude!
Es wird still, und wir baden uns in diesem wonnigen Gefühl des Angekommenseins, mitten in der Fremde. Schön ist das. So heimatlich. So daheim... Ja. Allmählich friert das Lächeln ein. Vor allem wird mir peinlich bewußt, daß ich streng rieche und mal dringend mein Hemd wechseln sollte. Wir bräuchten ein Hotelzimmer, mit Dusche, bitte. Und wir hätten gern einen Leihwagen. Beides für Maui, eine Insel weiter. Ob das wohl ginge?
Nicht ohne meinen Leihwagen

Ein Auto zu mieten ist eigentlich keine große Affäre. Normalerweise geht der Herr Autovermieter ans Fenster, schaut auf den Hof, und wenn da ein Auto steht, vermietet er es. Meistens ist es aber ein Fräulein Autovermieterin in einer rotgelbblauen Uniform à la Stewardess. Die schaut dann nicht aus dem Fenster, sondern auf ein Brett mit vielen Haken für die Autoschlüssel; hängt da noch einer, bekommt man sein Auto. So einfach geht das.
Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist das durchaus nicht so einfach. Madame ist liebreizend und hilfsbereit. Hinter uns, deutet sie mit der Stricknadel, sei ein "courtesy phone" für kostenlose Anrufe bei diversen Autoverleihern. Die Nummern stünden an der Tafel. So ist es auch, und ich gehe also hin und wähle und warte. Es dauert ein Weilchen; irgendwann meldet sich dann ein nachtschlafener Operator, ein paar tausend Meilen und etliche Zeitzonen von Hawaii entfernt, und fragt nach meinem Begehr. Ob es denn noch einen Leihwagen für mich auf Maui gäbe, will ich wissen. Moment bitte - tipp tipp tapp klappert die Tastatur seines Computers, eine blecherne Melodie wird eingespielt, warten... düdelüdel... bitte warten... und dann ist er wieder da: "I'm sorry, wir haben nichts frei!"
Na gut. Noch mal das gleiche Spiel mit der nächsten Nummer: 800-ALAMO oder so ähnlich. Wie schön, daß man hier auch Buchstaben wählen kann. Und plötzlich ist man in Chicago, San Francisco oder wo auch immer, nur nicht hier oder auf Maui. Bitte warten...
Wieder nichts. Kein Problem, Rent-a-car-Firmen gibt es reichlich. Tuuuut - tuuuut - tuuuut: Bitte warten...
"Je mehr auch die Verwaltung sich durch die Technik der schematischen und mechanischen Tätigkeiten entledigt, um so mehr gewinnt sie an ideellen und schöpferischen Werten. Ihre Kräfte werden dann frei für ihre wirklichen Aufgaben, die in der Betreuung und Förderung der menschlichen Gemeinschaft ihren Höhepunkt finden. Ist das nicht phantastisch?"
Aber klar doch. Das ist mehr als phantastisch. Und wer sagte diese wunderbaren prophetischen Worte? War es Schopenhauer? Shakespeare? Schiller? Nichts da, Max Zacherl war's , der Begründer der Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung des Bürokratismus, im Jahre des Herrn 1948, voller Begeisterung über die kolossalen Möglichkeiten der Lochkarte. Nie gehört? Kennen Sie nicht? Na sehen Sie mal! Was der wohl heute macht?
Aber die Betreuung und Förderung der menschlichen Gemeinschaft findet hier und heute ihren Höhepunkt in der wiederkehrenden Auskunft "I'm sorry! Nix frei!" Und zwar, um noch eins draufzusetzen, die ganze nächste Woche nicht.
So kann es gehen: Da steht man nun in Honolulu und kriegt keinen Leihwagen. Nicht einen einzigen, nicht mal für drei Tage. Und wer sagt einem das? Der Computer sagt einem das. Eine stumpfsinnige, hirnlose Maschine mit Bildschirm sagt einem das. Die sechste Generation der Lochkarte. Ist das nicht phantastisch, Herr Zacherl? Haben Sie sich das so vorgestellt? Von wegen "Betreuung und Förderung der menschlichen Gemeinschaft". Ha! Dass ich nicht lache!
Nach einer halben Stunde bin ich so sauer, daß ich nicht mal mehr deutsch kann, geschweige denn englisch. Meine Liebste, die noch relativ frisch ist, probiert es mit der zweiten Hälfte der Autoverleiher an der Reklamewand. Aber auch sie hat kein Glück.
Woran denn das nur liegen könnte? fragen wir Madame entnervt, nach einer guten Stunde vergeblicher Telefonate. Sie legt ihren Strickstrumpf beiseite und denkt nach: einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig - "Oh," strahlt sie uns mit runden Augen an, und ein kleines gelbes Birnchen geht an über ihrem Kopf: "Mais oui, wir 'aben eine Big Convention 'ier!"
Big Convention

Die Convention ist ein Stammesritual der postmodernen Industriegesellschaft. Vor allem multinationale Unternehmen mit etlichen zigtausend Mitarbeitern halten dieses Zeremoniell für absolut unentbehrlich, um Kultur und Kampfgeist ihres Stammes zu fördern. Alle großen und kleinen Häuptlinge sowie verdienstvolle Krieger im Innen- und Außendienst reisen aus den entlegensten Stammesgebieten an.
Seit Wochen hat man sich darauf vorbereitet, jeder auf seine Art; Memos und Meetings waren die Waffen, mit denen sich die Delegierten ihre Teilnahme erkämpften. Endlich, endlich ist es dann so weit: Flugzeuge werden gechartert, das Tamtam dröhnt, man strömt zum Festplatz, feierlich gewandet und bemalt, mit großen Buttons versehen: "We do our best" in schwungvoll und groß, klein darunter: Teresa Miller, Regionalverkaufsleiterin Südwest Mitte. Es geht zu wie auf der Balz, Gestelze und Genicke, Schulterpatschen und Gelache, Drinks und Visitenkarten. Man versichert sich gegenseitig seiner Wichtigkeit, bastelt an alten Fronten und neuen Koalitionen, palavert heiß und hitzig, ficht taktische Grabenkämpfe aus, nimmt an öffentlichen Hinrichtungen teil, huldigt dem Big Chief aus der Ferne und lächelt, bis die Kiefer knirschen.
Und abends wird getanzt.

So eine Convention verbraucht problemlos einige tausend Hotelzimmer, nebst Leihwagen, Konferenzzentren und Gastronomie. Big Business also. Honolulu lebt davon, vor allem in der Nebensaison. Gut 35.000 Hotelzimmer wollen schließlich gefüllt sein, Nacht für Nacht. Und wenn der offizielle Teil vorbei ist, hängen alle noch ein Wochenende dran - privat, wo einen keiner findet, eine Insel weiter. Auf Maui.
Und deshalb gibt es keine Leihwagen mehr. Und keine Hotelzimmer. Wir hätten vorher buchen sollen.
Wie man Freunde gewinnt

Eine Stunde später fährt ein Cadillac vor. Nicht mehr ganz neu, aber mit Platz für all unser Gepäck auf dem Rücksitz. Der Kofferraum ist nämlich schon voll, mit dreckiger Wäsche. John, dem dieses Ungetüm von einem Auto gehört, ist blond, seit einer Woche nicht rasiert, ein richtig netter Mensch und Besitzer eines Mobiltelefons. Das hatte geklingelt, neben dem Pool, an dem er gerade seinem Wochenende frönte.
Im allerletzten Moment - die Kinder hatten schon angerufen, wo Mama denn so lange bleibt - war Madame eingefallen, dass sie ab Montag einen Leihwagen hätte. Einen? Mindestens zehn - aus dem Kontingent des Reisebüros, in dem sie unter der Woche arbeitete. Oui, oui - jedes Reisebüro hat so ein Kontingent. No problem. Nur müssten wir halt die Zeit bis Montag irgendwo herumbringen.
Vielleicht in einem Hotel? "Mais non, Monsieur! Wir 'aben doch eine Convention! Es ist nichts mehr frei!"
Nun, für Freunde findet sich immer ein Plätzchen. Und für Freunde von Freunden natürlich auch. Und da wir, wer hätte das gedacht, neuerdings die Freunde von Madame sind, holt uns John jetzt ab. Er wohnt ein ganz klein bißchen außerhalb, so um die fünfzig Kilometer vom Flughafen entfernt, fast ganz am nordwestlichen Ende von Oahu, wo die Surfer surfen, wenn die Wellen hoch genug sind.
Was heißt hier: Zimmer - John hat Appartements frei, gleich mehrere davon, und nicht nur zu mieten. Wir hätten sie auch kaufen können, wenn wir gewollt hätten. Wochenweise; "time sharing" nennt man das, und im Prinzip handelt es sich um einen gigantischen, wenn auch völlig legalen Betrug. Man erwirbt also ein Appartement für die besten Wochen des Jahres, macht ein bißchen kostenlosen Urlaub darin und vermietet für die restlichen Tage. Dieses Vermieten bringt so viel ein, daß man damit locker den Kauf finanziert. So kann man also Urlaub machen, Eigentum erwerben, reich werden und obendrein noch Steuern sparen.
Diese Theoriestunde hält John auf der gut eine Stunde langen Fahrt ab. Pflichtschuldigst zählt er alle Vorteile auf. Aber er glaubt wohl selbst nicht recht daran. Wie könnte er; er wohnt ja da.
Und wie er wohnt! Ein zwei Meter hoher Maschendrahtzaun, Sicherheitspatrouillen, ein Wachhäuschen mit einem schwergewichtigen Privatsheriff inklusive geladenem 45er im Holster, Schranke über die Straße und Nachsehen in der Liste, ob John auch ein registrierter Bewohner ist. Wir werden säuberlich eingetragen, als Freunde auf Besuch. Dann dürfen wir rein.
Eine verwinkelte Straße führt in ein mehrstöckiges Parkhaus. Es ist zu dunkel, zu eng, zu niedrig, wie alle Parkhäuser dieser Erde. Warum hören Architekten nie auf ihre Frau?
Diesem Architekten jedenfalls ist seine wohl weggelaufen. Er muß die ganze Wohnanlage in einem Anfall tiefster Depression geplant haben, mit Wutanfällen auf die ganze Menschheit vermischt. Sein Werk ist von erbarmungsloser Scheußlichkeit: lauter Schuhschachteln aus Beton, hundertfach nebeneinander und dreimal übereinander gestapelt, in gelber und rosa Billigfarbe gestrichen. Während wir die endlosen Außenbalkons entlanglaufen, die alle Appartements miteinander verbinden, werden wir schon mal ferienmäßig eingestimmt: Aus halbgeöffneten Luken dringen die intimeren Geräusche von Leuten unter der Dusche oder auf dem Klo. Fernsehen läuft allenthalben. Manchmal brät sich einer was in altem Fett. Wo, um Himmels willen, sind wir hier nur hingeraten?
Unser Appartment ist voll möbliert und mit allem ausgestattet, damit man sich sofort heimisch fühlen kann. Sogar der Mülleimer ist voll. Im Badezimmerschränkchen findet sich alles, was andere Leute so gebraucht und nicht weggeworfen hatten, igitt. Wenigstens der Kühlschrank ist leer, wenn auch nicht sauber, und das Bett scheint frisch bezogen zu sein. Ich wäre sonst allen Ernstes auf die Idee gekommen, John hätte uns in die Wohnung von Leuten gestopft, die mal kurz übers Wochenende weggefahren sind.
"Warum gebt Ihr mir nicht gleich die 98 Dollar, die wir ausgemacht hatten?" fragt John, nachdem wir die Balkontüre aufgemacht und erstmal tief Luft geholt hatten. Nun ist eine solche mit "warum" eingeleitete Frage ja bekanntlich keine Frage, sondern eine unmißverständliche Aufforderung zur Tat. Man antwortet darauf nicht etwa: "Wie käme ich dazu, im Voraus zu zahlen?" Mitnichten. Das wäre ein böser Fauxpas, vor allem unter Freunden, die wir doch jetzt sind. Die richtige Reaktion ist, begeistert "Why, sure!" zu rufen und eine Kreditkarte zu zücken.
Wieder falsch: John möchte gern Bares. Nix Plastik. Richtiges, echtes, grünes Geld, direkt am Finanzamt vorbei. Dafür gibt es als Quittung ein unleserliches Gekritzel auf einem gelben Klebezettel von der Sorte, die man anderen Leuten ans Telefon pappt. Ja, lieber Herr Steuerprüfer, ich weiß, ich weiß: Sie können das nicht anerkennen. Das ist kein ordnungsgemäßer Spesenbeleg. Wie recht Sie doch haben! Ich hätte auch lieber ein ordnungsgemäßes Hotelzimmer gehabt, mitten in Waikiki, für die Hälfte Dollar, auf Kreditkarte und mit einer ordnungsgemäßen Rechnung aus dem Computer. Vielleicht klappt es ja beim nächstenmal?
TheBus

Sonntag früh. Die Nacht war heiss und ziemlich schlaflos, denn die Nachbarn hatten angefangen, sich zu prügeln, irgendwer holte die Polizei, und dann war endlich Ruhe. Wir beschlossen, einen Ausflug zu machen und meldeten uns beim Sicherheitsdienst ab.
Oahu ist die einzige hawaiianische Insel, auf der man auch ohne Auto weiterkommt. Mit den Bussen, die praktisch die ganze Insel abklappern, kann man zum Einheitspreis fahren, so lang man will - vorausgesetzt, man fährt in eine Richtung und nicht wieder zurück und hat keinen Koffer dabei. Im Klartext bedeutet dies, daß man mit TheBus fast um die ganze Insel herumfahren kann, weit über 100 Kilometer, für wenige Cents.
Das Fahrgeld wirft man in eine Spardose aus Plexiglas beim Fahrer. Möglichst passend - denn Rückgeld gibt's nicht, und wer zuviel zahlt, hat eben selber Pech. Zuwenig würde der Fahrer merken. Fahrscheine gibt's auch nicht. Wenn alle eingestiegen sind, zieht der Fahrer an einem Hebel, und das Geld rutscht aus der Plastikbox in unsichtbare Tiefen. Weg ist es.
Dank diesem sinnreichen System, einer Toilettenspülung nicht unähnlich, braucht sich der Fahrer weder mit Geld noch mit Fahrscheinen abzugeben. Auch ist Schwarzfahren ganz und gar unmöglich. Last not least können sich böse Räuber die Mühe eines Überfalls sparen, denn niemand kommt an das Geld heran, selbst der Fahrer nicht.
So einfach kann es im Leben zugehen, wenn man nicht darauf besteht, es sich möglichst kompliziert zu machen - mit Kurzstrecken-, Umsteige-, Schüler-, Senioren-, Feiertags-, Ausflugs-, Gepäck- und Kinderwagentarifen, Tarifgrenzen, Tarifkontrollen und Tarifkontrolleuren zur Kontrolle der Tarife.
Monday Monday - Friede in Hawaii
Montag früh, 9 Uhr. Wir haben einen dicken Montagmorgen-Stau auf der Autobahn nach Honolulu hinter uns - "Wie nennt man das?" frage ich John, weil mir das Wort für Stau nicht einfällt. "A mess," sagt er. Freundlicherweise nimmt er uns und vor allem unsere Koffer mit nach Waikiki. Dort wollen wir Madame und ihre Leihwagen suchen.
Es ist nicht eben leicht, sie zu finden, diese Touristikbüros. Sie haben alle Namen, hinter denen man ein Hochhaus vermutet. Aber, so gigantisch diese Etablissements auch heißen mögen, so klein sind ihre Büros. Aus Kostengründen haben sie sich in Hinterzimmern versteckt, am Ende ewig langer, menschenleerer Flure in den Niederungen von 1000-Zimmer-Hotels. Irgendwann findet man sie, vorausgesetzt, man liest gern Schilder. Denn zum Fragen ist ja niemand da.
Die Touristen schlafen noch. Keiner belästigt die Geschäftswelt, deren Herz um diese Zeit noch im Schontakt schlägt. Man kann friedvoll Ablage machen, einen Kaffee kochen, ein bißchen schwätzeln mit der lieben Frau Kollegin, sich hehre Ziele setzen für heute, wohl wissend, daß der Alltag sie wegschwemmen wird wie immer - Friede in Hawaii.
Die Tür mit dem Schild "Galaxy Tours" - es kann auch anders geheissen haben - steht offen. Freier Blick in ein leeres Büro mit einer weiteren offenen Tür. Dahinter ist wohl wer, den Geräuschen nach, denn irgendwas pütschert so vor sich hin.
Klopf, klopf, hello! - es dauert ein bißchen, dann raschelt Papier, knarrend dreht sich ein Stuhl.
Hello-o-o! - Ein Kaffepott landet unsanft auf einem Schreibtisch, Schritte, Räuspern, ein vorsichtiger Blick, große, erschreckte Augen...
Hallo, wir sind's nur, keine Räuber, wir sehen auch nicht so aus, wir kommen nur zur Unzeit, die Tür war offen... Ist Madame da?
Ein kleiner, sanfter Mann schaut uns ganz erleichtert an, daß wir nicht ihm ans Leder wollen, sondern nur zu Madame. Nein, sie ist noch nicht da, leider, sie müßte aber - und just in diesem Moment, wie im Film, klingelt das Telefon.
"Yes, darling," sagt Joseph, und "no, darling", und am anderen Ende erzählte eine etwas fusselige Madame die ganze lange Geschichte von zwei Deutschen, die am Samstagnachmittag angekommen waren und kein Hotel gebucht hatten und auch keinen Leihwagen und jetzt einen bräuchten und die nachher vorbeikommen würden und - "Yes, darling," sagt Joseph und legt ganz sanft auf.
Hinten im Schrank steht ein Pappkarton. Aus diesem kramt Joseph einen Packen alter Formulare hervor, sucht sich eines aus, spannt es in seine Schreibmaschine ein und tippt, in schönster geschwungener englischer Künstlerschreibschrift "Voucher" obendrüber. Dann tippt er noch ein paar Worte, denkt nach und lächelt uns schliesslich an. "Damit gehen Sie dann," sagt Joseph, indem er sanft den Voucher aus der Schreibmaschine dreht, "in Maui an den Schalter der Leihwagenfirma."
Vorerst aber geht es ans Bezahlen. Ich zücke weltmännisch meine Kreditkarte, und Joseph zuckt ein wenig zusammen: Gott, wie peinlich, dieses Thema... aber er könne leider nur Bargeld annehmen.
Nun widerspricht das allem, was man je so gehört und gelesen hat über das Land, in dem das Plastikgeld erfunden wurde, aber Joseph bleibt fest: cash.
Woher nehmen? Die First Hawaiian hat eine Filiale schräg gegenüber. Ich gehe also Bargeld kaufen, einen ganzen dicken Briefumschlag voll, und bringe ihn zurück zu Joseph. Er zählt mit spitzen Fingern nach, als seien Dollars klebrig, und schreibt sanft seinen Namen auf den Voucher, als Quittung. Das wär's dann also, nicht?
Da stehe ich nun, den Voucher in der Hand, mit einem seltsamen Gefühl im Magen. Er hat unsere guten Dollars in der Tasche, und ich einen sanften, selbstgemachten Schrieb. Einen Wautscher! Ob das wohl alles so richtig ist? Na, ich weiß ja nicht ...

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