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14.09.2009
Von: gr
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Angstlabyrinth

Sie hiess Kimo, war nicht von hier, hatte furchtlose, dunkle Augen, schaute einen direkt an, lächelte selten, rauchte viel, und ich wurde nicht schlau aus ihr. Auch weiss ich nicht, was sie an mir fand; ich bin ein völlig nichtssagender Typ, durchschnittlich, in keiner Hinsicht irgendwie attraktiv. Obendrein war ich, zumindest damals, voller Macken und Ängste, ohne Richtung, unreif, ein vom Baum gefallenes Blatt. Trotzdem nahm mich Kimo unter ihre Fittiche, wahrscheinlich ebenso selbstverständlich, wie sie auch einen streunenden Hund mitgenommen hätte, für eine Weile wenigstens. Ich habe keine Ahnung, was Kimo heute macht; ich würde sie gern wiedersehen oder zumindest von ihr hören. Sie fehlt mir.

So beginnt der erste Roman von Gert Richter, eine intensiv erzählte Geschichte von zwei Menschen auf der Suche nach sich selbst, nach einem Ausweg aus dem Angstlabyrinth unserer Zeit.

Dieses Buch hat fast nur eine innere Handlung. Es ist die Geschichte eines Klarwerdens, einer Ganzwerdung, einer Gesundung innerhalb einer intensiven Beziehung.

Kimo ist Journalistin; sie hat eine Beziehung mit Paul, der als Abteilungsleiter in einer Firma für Grosskücheneinrichtungen arbeitet. Kimo stört sich an der Oberflächlichkeit und Unehrlichkeit der Beziehung und möchte dies ändern. Paul dagegen verträgt diese Störung des Gleichgewichts in der Beziehung nicht und reagiert darauf mit massiver Angst.

Aber Kimo lässt nicht locker. Behutsam, aber beharrlich versucht sie, die Gründe für Pauls Angstattacken aufzudecken. Ganz allmählich sieht Paul, dass Kimo ihm einen Ausweg aufzeigen will. Ganz allmählich kann er anfangen, selbst daran mitzuarbeiten. Er durchlebt dabei verschiedene, teilweise sehr heftige Krisen, die ihn bis zum Selbstmordversuch bringen.

Beide geben ihre Berufe auf und versuchen unter einfachen Bedingungen in einem anderen Land einen Neubeginn. Dort werden ihre Schwierigkeiten jedoch nur noch schärfer sichtbar. Paul verzweifelt fast daran, dass er keinen Ausweg aus dem "Angstlabyrinth" findet, in dem er sich gefangen fühlt. Endlich jedoch gelingt es ihm, auf eine durchaus überraschende Weise.

168 Seiten
Paperback mit vierfarbigem Titel
ISBN 978-2-940364-05-3
14.80€




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Leseprobe


Sie hiess Kimo, war nicht von hier, hatte furchtlose, dunkle Augen, schaute einen direkt an, lächelte selten, rauchte viel, und ich wurde nicht schlau aus ihr. Auch weiss ich nicht, was sie an mir fand; ich bin ein völlig nichtssagender Typ, durchschnittlich, in keiner Hinsicht irgendwie attraktiv. Obendrein war ich, zumindest damals, voller Macken und Ängste, ohne Richtung, unreif, ein vom Baum gefallenes Blatt. Trotzdem nahm mich Kimo unter ihre Fittiche, wahrscheinlich ebenso selbstverständlich, wie sie auch einen streunenden Hund mitgenommen hätte, für eine Weile wenigstens. Ich habe keine Ahnung, was Kimo heute macht; ich würde sie gern wiedersehen oder zumindest von ihr hören. Sie fehlt mir.

Wir waren verabredet an diesem Abend, in meiner Wohnung, und ich rief sie an, vom Büro aus. Ich war Abteilungsleiter damals in einer Firma, die Grosskücheneinrichtungen herstellte. Ein Stressjob, in dem man ganz gut verdient, auch wenn er, wenn man es recht bedenkt, relativ uninteressant ist. Einer von den Arbeiten, bei denen man einen Anzug tragen und die halt irgendwer machen muss. Aber ganz so sah ich das damals natürlich nicht.

Ich hatte meinen beschäftigten, immer etwas eiligen Business-Tonfall drauf, der so bestimmt klingt, von mir selber überzeugt, diese Stimme, die zum Widerspruch reizt und ihn dennoch im Keim erstickt, diesen um Verbindlichkeit bemühten Unterton, sauber artikuliert, deutlich, der so weit vorn erzeugt zu werden scheint, gar nicht von innen heraus kommt und dadurch so fremd, so verkrampft, ein wenig falsch, um Freundlichkeit bemüht klingt - Kimo, das weiss ich heute, konnte ihn nicht ausstehen, diesen Ton.

"Es wird später werden heute abend, du verstehst - es macht dir nichts aus, oder? Ich muss das hier noch - ja, genau. Bis dann also, und - ich freu mich!"

Kimo versteht natürlich; sie weiss ja längst, von so vielen Verabredungen, so vielen Anrufen vorher, wie wenig Sinn es hat, auf der ausgemachten Uhrzeit zu bestehen. Sie weiss es, und dennoch ärgert sie sich jedesmal, auch wenn sie es auch längst aufgegeben hat, mich umstimmen zu wollen. Sie weiss, in welchen Konflikt sie mich damit bringen würde, mich, der ich nicht nein sagen kann, der unsicher wird, wenn er von seiner Arbeit spricht. Sie will mir den Konflikt ersparen, anderen gegenüber Nein zu sagen, anderen gegenüber, die mir weit weniger wichtig sind, das weiss sie natürlich. Aber bei denen es mir dennoch, weiss der Kuckuck warum, schwerer fällt, abzulehnen, nein zu sagen, selbst zu bestimmen.

Sie will es mir leichter machen und hasst sich dafür, weil sie sich nicht sicher ist, ob mir diese Entlastung nicht eine neue Bürde bringt aus Schuldgefühlen ihr gegenüber und der vagen Pflicht, dankbar sein zu müssen für Verständnis und Toleranz. Einer Pflicht, die wiederum aus meinem Wissen um meine eigene Halbherzigkeit resultiert; ich werde nicht gern mit der Nase darauf gestossen. Ich weiss, dass sie um meine Schwächen weiss, aber ich möchte so tun, als wüsste sie es nicht. Und das weiss sie, und der Knoten ist perfekt in all seiner Perversität. Sie hat es mir nie vorgeworfen, noch nie bisher; doch sie fragt sich manchmal, ob sie es nicht doch besser eines Tages ansprechen sollte: Vielleicht würde es auf Dauer eher helfen, wenn dieser Knoten mal ans Licht käme und aufgedröselt würde?

Helfen, denkt sie und drückt wütend ihre Zigarette in den Aschenbecher, helfen, es ihm leichter machen: Zum Teufel damit, ich bin nicht auf der Welt, um ihm zu helfen. Soll er selbst damit fertig werden! Weiss ich's, was ihm hilft?

Sie ärgert sich über meine Schwäche, über das Gefühl, das ich vermittele: nicht zu können; dabei gleichzeitig Verständnis fordernd, nicht einmal es einfach voraussetzend, genausowenig darum bittend - er holt es sich einfach, denkt sie, wie ein kleines Kind, das wortlos, mit grossen Augen, die Arme ausstreckt, um auf den Arm gehoben zu werden. Als wäre es nicht in der Lage, selbst zu gehen, als könnte es nicht bitten oder fragen! Und wie schnell, wie schnell können sich diese grossen, wollenden Augen in einen Vorwurf verwandeln!

Seine Schwäche, denkt sie, mit der er alles kriegt, was er will. Und sich nicht mal anzustrengen braucht; kein Risiko eingeht, abgelehnt zu werden, sich eine Absage einzuhandeln - denn er hat ja um gar nichts gebeten, man gibt es ihm ja gleich, schon von sich aus, um ihn nicht zu verletzen, ihn nicht zu kränken, ihm nicht das Gefühl der Schwäche zu geben. Ich erspare ihm den Konflikt, nachforschen zu müssen, was ihm wirklich wichtiger ist: Unsere Verabredung oder irgendeine Arbeit, die ihm irgendwer, womöglich er selber sich, aufgehalst hat in letzter Minute.

Sie merkt, wie sie immer wütender wird. Er braucht sich nicht zu entscheiden, wohl wissend, dass sie im von jeher gewohnten Verständnis für ihn, für seine missliche Lage, nachgeben wird - zur Not dieses Nachgeben noch anbieten würde. Er braucht sich keinem Unwillen auszusetzen, denn von ihr - das weiss er längst - hat er keinen zu erwarten. Mit welchem Recht auch sollte sie unwillig sein, da sie doch Verständnis gezeigt und angeboten hatte?

Das ist ein Teufelskreis, denkt sie, doch, im gleichen Gedanken: Er kann ja nichts dafür. Ich bin es ja, die ihm sein Verhalten ermöglicht. Ich bin es ja, die seine "Schwäche" duldet, ja sogar fördert. Und dennoch: Könnte er es nicht ändern? Warum ich?

Ich freu mich, hatte Paul gesagt bei seinem Anruf - dieses verlogene: ich freu mich! Jedesmal sagte er das, jedesmal, denkt sie. Vielleicht freute er sich ja wirklich, aber der Ton, in dem er das sagte, machte so eine hoffnungslos gedankenlose Floskel daraus, eine nichtssagende Phrase, ein wenig Zucker auf die Absage gestreut: Ich freu mich!

Ich freu mich auch, denkt sie. Jedenfalls hatte ich mich gefreut. Aber jetzt bin ich wütend. Ich hätte gute Lust, dich anzurufen und dir mitzuteilen, dass mir, leider!, etwas dazwischengekommen sei. Ach, ich weiss schon, ich höre schon deine Stimme, dein Zögern erst, dieses verhaltene: na ja - da kann man wohl nichts machen, nicht? Du würdest nicht mal fragen, was denn "dazwischengekommen" sei - aus jenem Gefühl heraus, das du vermutlich für Höflichkeit hältst. Ich weiss, du würdest es wissen wollen; aber fragen? Nie. "Du wirst es mir schon sagen, wenn du es für richtig hältst." Nur keinem zu nahe treten! Nur kein Risiko! Und kein Funke einer Bemühung, um die Verabredung zu kämpfen. Als ob sie dir nichts wert wäre! Aber: Ich freu mich! Du mit deinem verdammten "ich freu mich"!



 

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