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15.05.2010
Von: Franz G
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Die dritte blöde Froschgeschichte

Es war einmal ein - nein, kein Frosch, das wäre ja zu albern, wenn hier alle Geschichten mit dem Frosch anfangen würden. Der Frosch muss noch ein bisschen warten; er kommt später dran.

Also: Es war einmal ein Maler, der sich mitsamt seiner Staffelei, einer frisch grundierten Leinwand, den Farben, seiner Palette, diversen Pinseln, Lappen und Fläschchen, einem Picknickkorb, einer Wolldecke (einem sogenannten "Plaid") sowie seiner Angebeteten, einer hübschen jungen Dame in einem duftigen weissen Kleid aus Musselin und Seide, auf einer Frühlingswiese am Waldrand niederliess, voller Behagen und Vorfreude auf - na ja, das werden wir ja sehen.

Dieser etwas lang geratene Satz enthält einen Haufen an Information. Also nochmal zum Mitschreiben:

- Ein Maler,
- seine Herzallerliebste, hübsch, jung, bezaubernd und verführerisch gekleidet (noch),
- das Arbeitswerkzeug des Malers,
- ein Picknickkorb (wir wollen annehmen, dass er mit allerlei Köstlichkeiten gefüllt war),
- eine Wolldecke.

Während der Maler seine Liebste malerisch in die Landschaft drapiert, unter Berücksichtigung von Licht, Schatten, Vorder- sowie Hintergrund, hüpft unser Frosch vorsichtig aus dem Wald heraus, um mal zu sehen, was hier eigentlich los ist. Dieses Getue und Gekicher, das hat man doch eher selten in der Natur. Er sieht, wie der Maler seine Staffelei aufrichtet, die Leinwand auf dieselbe stellt, silberblitzende Tuben aufschraubt und bunte Farbkleckse, manchmal auch Würstchen, auf die Palette drückt.

Derweilen wird der Allerliebsten warm, und sie beginnt, sich Kühlung zu verschaffen, indem sie sich des einen oder anderen Kleidungsstückes entledigt. Dies tut sie in ganz selbstvergessener Weise, in aller Unschuld wie Susanna im Bade, jedoch nicht, ohne ab und zu verstohlene Blicklein auf ihren Maler zu werfen. Aus dem Augenwinkel. Ob er es wohl sieht?

Natürlich sieht er es, wenn er auch ganz geschäftig tut mit seinen Pinseln, die er in terpentingefüllten Gläsern hin- und herschwenkt, rasch, als würde er Sahne schlagen. Die Sonne steigt höher, die Luft wird noch milder und lauer, die Grillen zirpen, die Amseln singen, der Blutdruck steigt und der Puls und auch sonst noch steigt so manches.

Na ja, es dauert nicht lange, da verschwinden ein schon recht erregter Maler, eine schon recht entblätterte Maid sowie das ungerührte, vielgewohnte Plaid im Wald. Der Frosch kann sich gerade noch durch einige panische Hopser in Sicherheit bringen.

Dabei rammt er die Staffelei. Au! Die Leinwand fällt herunter, ins Gras. Der Frosch springt beiseite und landet auf der Palette mit den Farbklecksen und auch -würstchen. Das ist glitschig, igitt, der Frosch findet das eklig und hüpft weg. Er will ins Gras, aber weil es eben so glatt ist auf der Palette, rutscht er aus und kriegt er den Absprung nicht so recht. Er landet, wie kann es anders sein, auf dem Spannrahmen mit der frischen, weissen Leinwand.

Und hinterlässt Spuren. Tapser. Froschfüsse. Schmieren. Schlieren. Froschbauchabdrücke. Und auch, ach ja, ein Froschmaul. So eine gespannte Leinwand wirkt ja wie ein Trampolin, und so federt der Frosch und wird durch die Luft gewirbelt und landet schief und fliegt wieder weg und dreht sich, Salto mortale, landet auf dem Froschhintern, hinterlässt einen dicken Klecks, kugelt herum, purzelbäumig - bis er endlich von der Leinwand fällt. Ganz dumm im Kopf ist ihm von dieser (für einen Frosch) unanständigen Hopserei. Aber irgendwie findet er es doch aufregend. Cool. Er macht sich, noch schwindlig, davon. Zurück in seinen Wald.

Ein Schäferstündlein später kommen Maler und Liebste zurück. Sehen das Malheur, die ruinierte Leinwand, bunt verschmiert und voller Flecken, Tapser, dicker und dünner, rot und gelb und verlaufen und blau, grün und weiss verspritzt -

Der Maler läuft rot an.

"Kunst!" haucht die Liebste ergriffen. "Das ist Kunst!"

"Hmmm", sagt der Maler, der längst gelernt hat, dass man aus jeder Situation das Beste machen muss. Und so entspannt er sich, giesst sich und seiner Liebsten ein Glas Champagner aus dem Picknickkorb ein, lässt die Leinwand trocknen, bringt sie seinem Galeristen, stellt ihm das Bild schweigend, aber mit Ausdruck, an die Wand und wartet ab.

"Hmmm", sagt der Galerist und geht im Geist seine Kundenkartei durch. Chicago, New York, Singapore, Basel -

"Okay", sagt er dann. "Wahnsinn. Genial. Das, mein Lieber, das ist einfach - " Ihm fehlen die Worte. Das ist sein Trick. Er lässt die Sätze oft so in der Luft hängen. Open End.

Und wenn Sie, lieber Leser, dieses Bild demnächst irgendwo sehen, in einem Museum, einer arrivierten Galerie, in Mailand, Madrid, Monaco - Sie wissen, wie es entstanden ist.

Aber Sie sagen es nicht weiter, okay?

 

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