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25.05.2010
Von: grin
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Ich, der Fahrplanplaner (Die böse Froschgeschichte No. 6)

Es widerfuhr mir, als mich Lieselotte küsste. Mit einem Knall, als sei ein roter Luftballon in meinem Innenohr geplatzt, wurde ich in einen Frosch verwandelt. Natürlich, erst wusste ich ja gar nicht, wie mir geschehen war. Aber als ich dann an einem Spiegel vorbeikam und mich sah, dick, grün, wabbelig, glubschäugig und so gar nicht hübsch, da wusste ich, was mein Stündlein geschlagen hatte. Und von just jener Stunde an war ich quallig und gallig und trachtete nur noch nach Vergeltung für das Ungemach, das mir widerfahren war.

Ich suchte und fand eine Stelle bei der Schweizerischen Bundesbahn als Fahrplanplaner. Nicht nur faszinierte mich das doppelte "plan" gleich hintereinander und dann noch in einem Wort, sondern auch die Möglichkeit, schrankenlos und ungebremst bitterbösen Schabernack treiben zu können.

Zunächst einmal sorgte ich im Fernverkehr für einen ausgeklügelten, aber dafür umso engeren Stundentakt auf den Bahnhöfen. Zum Umsteigen blieben oft nicht einmal mehr fünf Minuten, und mit klammheimlicher Freude sah ich zu, wie die Hammelherden von Bahnsteig zu Bahnsteig hasteten, treppab, treppauf. Herrlich, diese Ziehköfferchen, über die man so schön stolpern konnte! Wie die Esel ihre Karren, so zogen und ziehen sie sie hinter sich her. Von Herzen freute mich auch jeder, der sich an Krücken durch die Unterführungen quälte und dadurch den gesamten Betrieb aufhielt. Heissa! Wieder mal die Bahn verpasst! Wir haben ja nur 70'000 Unfälle pro Jahr in der Schweiz; da kommt schon einiges an Gipsbeinen zusammen. Nicht umsonst ist die Schweiz für ihre Skipisten berühmt. Auch fährt man gerne Velo hier, rennrads, in kasperlebunten Trikots, nebeneinander, sorglos, selbstvergessen. Und eben auch: unfallträchtig.

Dann kam der Nahverkehr an die Reihe. Wenn für die Städteverbindungen fünf Minuten Umsteigezeit reichen, dann sollte es doch zwischen den Dörfern im Sekundentakt gehen, oder nicht? Ja, da lacht mein Herz auch heute noch, wenn ich sehe, wie berufstätige Menschen aus der Bergbahn steigen, keine 15 Meter auf den Bus zugehen, der prompt direkt vor ihrer Nase die Türen schliesst, pressluftig automatisch, und abfährt. Und sie stehen lässt. Draussen. Wütend. Hilflos. Längst nicht mehr fäusteschüttelnd, denn sie haben ja inzwischen gelernt, dass es sinnlos ist. Fahrplan ist Fahrplan; wir sind recht pünktlich. Darauf tut sich die Schweiz etwas zugute.

Für Lieselotte, die mir durch ihren Kuss meine Misere eingebrockt hat, habe ich listig extra einen Fussweg zwischen ihren Stationen eingebaut. Im Fahrplan steht: Fussweg 2 Minuten. Aber die Bahn hält, sie steigt als Einzige aus, rennt zum Anschlusszug, neuer Rekord: 30 Sekunden - und die Bahn, vollautomatisch, fährt ab. Völlig leer. Ohne sie. Und mir hüpft das Herz im Leibe vor Schadenfreude. Rache ist eben süss. Und Fahrplan ist eben Fahrplan.

Und ich habe ihn gemacht. Ich, der Rachefrosch. Mit meiner wunderbaren dunkelblauen Jacke und den grauen Hosen und der rotblaugestreiften Krawatte. Und den Froschaugen und dem dicken Hintern und dem Groll im Herzen. Sollte Lieselotte mich jemals wieder küssen und in einen Menschen zurückverwandeln wollen - würde ich den Fahrplan menschenfreundlicher gestalten?

Tja, das ist die Frage. Was meinen Sie?

Diese Geschichte ist nicht nur, aber vor allem der Triade aus SBB, MOB und VMCV gewidmet. Dort, wo sie zusammentreffen könnten, sollten, müssten - es aber nie tun.


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