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14.09.2009
Von: gr
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Tanz mit dem Schafsmann

Von Haruki Murakami
Übersetzt von Sabine Mangold

Dass bei Haruki Murakami irgendwelche Leute verschwinden, ist schon fast so etwas wie sein Markenzeichen geworden. Natürlich nicht so einfach und banal wie im richtigen Leben, dass sie mal eben Zigaretten holen gehen und dann sind und bleiben sie eben weg. Murakamis Helden erfahren, meist in erschütternden Krisensituationen, dass ein abgespaltenes Ich schreckliche Dinge tut oder dass ihm Grässliches widerfährt. Dies ist so aussergewöhnlich nicht, wie Psychiater wissen. Murakami aber geht einen Schritt weiter und lässt aus diesem Abwehrmechanismus komplette Parallelwelten wachsen, in denen man unversehens verschwinden kann. Ob man jemals wieder zurückkommen wird, bleibt offen und macht einen Teil der Spannung in seinen Romanen aus.

Der "Tanz mit dem Schafsmann" ist eine Art Fortsetzung von "Wilde Schafsjagd". Der namenlose Ich-Erzähler glaubt, von einer Frau gerufen zu werden, mit der er früher eine Weile zusammen gelebt hat und mit der er in Sapporo im recht heruntergekommenen Hotel Dolphin bei der Wilden Schafsjagd den Schafsmann gesucht hat. Er muss sie unbedingt finden, fliegt dafür nach Sapporo und stellt fest, dass an der Stelle des alten Hotels ein hypermoderner Hotelkomplex steht. Mit Hilfe einer Angestellten, die von seltsamen Erlebnissen berichtet, findet er den Schafsmann. Dieser sagt ihm, er solle tanzen, tanzen, tanzen (dementsprechend heisst das Buch auf englisch auch: "Dance Dance Dance", was eine wörtliche Übersetzung aus dem Japanischen ist ("Dansu Dansu Dansu") und sich auf den gleichnamigen Songtitel der Beachboys bezieht).

Der Ich-Erzähler weiss ebensowenig wie der Leser, was das alles bedeuten soll. Wie Murakami und der Zufall es wollen, geht er ins Kino und sieht dort die gesuchte Frau in einer Filmszene, in der ein ehemaliger Schulfreund von ihm, der inzwischen Schauspieler geworden ist, mit ihr schläft. Also nimmt er Kontakt zu dem inzwischen gefeierten Schauspieler auf und entwickelt sich langsam aber sicher zu seinem besten Freund. Er erfährt, dass sich die gesuchte Frau Kiki nennt und ein sehr teures Callgirl ist. Weitere Recherchen, die hautnah bei zwei weiteren Callgirls durchgeführt werden, zeitigen keine Ergebnisse. Eines der Callgirls wird später ermordet aufgefunden.

Die Hotelangestellte, zu der sich der Ich-Erzähler sehr hingezogen fühlt, gibt ihm auf seiner Rückreise nach Tokyo ein 13-jähriges Mädchen in die Obhut. Yuki hat eine durchgeknallte, geniale Fotografin als Mutter sowie einen erfolgreichen Schriftsteller als Vater. Die Mutter lebt mit einem einarmigen Poeten zusammen, der Vater mit einem vermutlich homosexuellen Diener. Beide Eltern kümmern sich nicht im Mindesten um ihre Tochter und sind froh, als der Ich-Erzähler dies tut. Der Vater schickt die beiden auf Kosten seines Spesenkontos nach Hawaii, wo sie Urlaub machen und Yukis Mutter treffen. Dem Erzähler gelingt es, die Abwehrhaltung der selbstbewussten Pubertierenden zu durchbrechen und ihr eine Lebensweisheit nach der nächsten einzuflössen. Erstaunlicherweise scheint die das nicht zu stören.

Die vielen Rätsel, die sich auftun, je mehr er sie zu lösen versucht, finden mehr oder weniger eine nebulöse Aufklärung in einer der besagten Parallelwelten. Der Ich-Erzähler fliegt zum Schluss nach Sapporo, um dort endlich mit der Hotelangestellten zu schlafen. Liebe, Happy End, Vorhang, aus.

Murakami ist ein vielbeachteter, hochgelobter, begeistert gefeierter und nobelpreisverdächtiger Schriftsteller. Er hat eine unnachahmlich vage Art, Realität nicht für bare Münze zu nehmen, sondern auch das Ungesagte, kaum Gefühlte, kaum zu fühlen Gewagte mit leichter Hand in seine Geschichten unterzuheben und hauchfein zu vermischen. Und die Mischung ist oft köstlich, meist von unerwartetem Geschmack, manchmal abstossend explizit. Jedenfalls bringt sie ständig Überraschungen.

Murakami liebt Jazz. Nicht umsonst hatte er einen Jazzklub und besitzt heute noch über 7.000 Schallplatten. Manchmal könnte man meinen, dass er den Jazz in die (japanische) Literatur eingebracht hat. Da gibt es zwar Struktur aus Rhythmus und Harmonie und Tonalität. Aber gelegentlich, plötzlich, sacht, driftet einfach alles weg in Sequenzen aus anderen Dimensionen. Kein klassischer Komponist könnte sich so ein unstrenges Vorgehen erlauben. Aber im Jazz muss es so sein; es macht den Reiz aus und die Frische, die Herbheit, die Tiefe selbst dann, wenn es leicht klingt.

ISBN 978-3-8321-5533-9
461 Seiten, Hardcover
EUR 24,90

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