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16.09.2009
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Verloren in Amerika. Vom Schtetl in die Neue Welt

Von Isaac Bashevis Singer
Übersetzt von Ellen Otten

"Religion und Jüdischkeit waren buchstäblich die Luft, die wir atmeten". Davon ist das gesamte Leben des Ich-Erzählers, der zweifellos weitgehend mit Isaac B. Singer identisch ist, durchtränkt ("Fiktion vor einem Hintergrund von Wahrheit" sagt er über dieses Buch). Glaube und Zweifel, Rituale und Schuldgefühle, intellektuelle Schärfe im Denken und gleichzeitig ein hilfloses an sein Gefühlsleben Ausgeliefertsein - wir erleben Singers bitterarme Kindheit im Haushalt eines Rabbiners, seine Jugend und das turbulente, orientierungslose junge Erwachsenenalter mit, im Warschau Ende der Zwanziger, Anfang der Dreissiger Jahre. Kein Mensch wusste, wohin sich die Weltgeschichte entwickeln würde. Trotz allem wollten viele die Gefahr nicht wahrhaben, die den Juden nicht nur aus Hitlerdeutschland drohte. Sie waren ja nicht einmal vor ihren eigenen Landsleuten sicher, und viele, die sich nach Russland flüchteten, flüchteten in den Tod.

Aber das Leben geht weiter, jeden Tag, und der junge Journalist und Schriftsteller diskutiert tagsüber im Schriftstellerklub mit Kollegen und Konkurrenten über Gott und die Welt. Seine Nächte verbringt er in wüsten Umarmungen mit bizarren Frauen, die ihn anziehen und abstossen, die ihn fortschicken, aber dennoch nicht loslassen. Eine klare Linie hat dieses Leben nicht. Wie sollte es auch? Irgendwann dann, nach vielen Wirren und Schwierigkeiten, gelingt es ihm, nach New York auszuwandern. Sein älterer Bruder Josua hat ihm dort eine Stellung bei der jiddischen Zeitschrift "Forward" besorgt.

Nicht, dass jetzt alles in Ordnung wäre. Singer kommt durchaus nicht zurecht mit seinem neuen Leben, in diesem neuen Land, trotz der Hilfe, die ihm viele bieten. Auch bleibt sein Privatleben so chaotisch, wie es immer gewesen war; nur die Frauen haben gewechselt. Bis dann die alten aus der Warschauer Vergangenheit wieder auftauchen, sofern sie es geschafft haben, den Verfolgungen zu entkommen und zu überleben.

Singer ist wohl nicht einen Moment glücklich. Er versteht das Leben nicht, und er versteht nicht zu leben. All seine Bildung, all sein Intellekt, all seine Skepsis gegenüber Menschen, sein Aufbegehren gegen Gott nützen ihm gar nichts. Er ist und bleibt verloren, auch in Amerika.

Dieses Buch ist ausgesprochen schnell geschrieben, in einem fast atemlosen Erzählstil, mit wunderbaren Dialogen, die Tonbandmitschnitten gleichen - so durcheinander, wenig folgerichtig, überhaspelt sind sie manchmal. So, genau so sprechen Menschen (und nicht wie im Kino); sie lassen sich auf ihre Assoziationen ein, die sie selbst auslösen, und folgen ihnen dann. Das führt zu einer unglaublichen Spannung, ganz einfach deshalb, weil nichts in diesem Buch vorhersehbar ist - nicht einmal der nächste Satz. Und das ist sicher nicht einfach ein Stilmittel, sondern erfahrenes Leben. So muss es auch dem Erzähler gegangen sein. Was für ein seltsames Leben, bei dem jeden Moment alles passieren kann. Und wie schön, dass Singer uns durch seine meisterhafte Erzählweise daran teilhaben lässt - aus sicherem Abstand.

ISBN 978-3423103954
Taschenbuch
401 Seiten
€18.00

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