Eine kritische Kurzgeschichte
Seit ich das Fernsehprogramm leid geworden bin, setze ich mich in meinen Sessel, starre auf die graue, leere Mattscheibe und denke mir meine Geschichten selber aus. Ich muss das nicht haben, dass mir vorlaute Leute dummes Zeug erzählen, das sie selbst nicht verstehen. Sie plappern Worthülsen nach und meinen, damit etwas gesagt zu haben. "Die Finanzkrise ist nach Europa übergeschwappt ..." - wie soll ich mir das vorstellen? Ist die Finanzkrise so etwas wie eine Suppe, die mir aus dem Teller schwappt und mir die Finger verbrennt, wenn ich ihn ins Wohnzimmer trage? Oder das Wasser, das immer hinten aus meiner Badewanne unter das Schränkchen schwappt, wenn ich mich zu schnell zurücklehne?
Ausserdem, was ist das eigentlich, eine Finanzkrise? Alles, was wir sehen, ist, dass die Aktienkurse fallen, jeden Tag ein bisschen mehr. Warum betrifft mich das? Ich habe keine Aktien. Ich habe Banken, Börsen, Beratern nie getraut. Offenbar mit Grund. Aber warum gehen Banken daran pleite? Ich bin sicher, die geschniegelten Berichterstatter, Kommentatoren und allzeit bereiten "Experten" wissen es selbst nicht.
Niemand sagt, dass die Banken immerzu mehr Geld verleihen, als sie haben. Ganz legal. Davon leben sie, und so funktioniert unsere Wirtschaft. Mit Geld, das nicht existiert. Das nie existiert hat. Sie verleihen Wolkenkuckucksheime, auf Pump und gegen Zins, und das klappt ja auch ganz gut, meistens und erstaunlich lange, bis eben die Luftblasen platzen. Der erste kann seine Schulden nicht zahlen, der zweite, der dritte, und dann kriegt die Bank ein Problem und kann ihrerseits ihre Schulden nicht zahlen, und sie ist nicht die einzige, und dadurch kriegen die anderen Banken noch mehr Probleme und wissen nicht, wo sie das Geld hernehmen sollen, das doch nie existiert hat, das sie aber schulden - tja, und dann "schwappt" die Finanzkrise von einer Bank zur nächsten und alle kriegen Angst um ihr Geld, das schon lange nicht mehr in irgendeinem Tresor liegt, sondern fünfmal ausgeliehen worden ist und nun nicht mehr zurückgezahlt werden kann. Bad, bad, bad.
Nein, ich brauche das nicht. Ich kann mir meine Geschichten selber ausdenken.
Das war noch was, als der Wolfgang sich übernommen hatte und vor Geldsorgen nicht mehr ein noch aus wusste! Jeden Tag rief die Bank bei ihm an und benutzte unfreundliche Worte. Und Pannek ging es ja nicht besser, seinem Freund, dem er immer die Aufträge zugeschanzt hatte, als es noch gut ging. Aber Pannek schickte ihm Rechnungen, und Wolfgang konnte sie nicht bezahlen. Worauf die Bank auch bei Pannek anrief, jeden Tag.
Nicht, dass ich verschont geblieben wäre, damals. Ich schickte auch Rechnungen, und als nach zwei Monate immer noch kein Geld kam, schickte ich auch Mahnungen. Und dann rief ich an bei Wolfgang. Er war tagelang nicht zu erreichen, was mich misstrauisch machte. Panneks Frau, die als Sekretärin bei Wolfgang aushalf, druckste so seltsam herum; merkwürdig, sonst war sie immer so nett zu mir gewesen.
Ich fuhr also hin zu Wolfgang, ein bisschen bang, ein bisschen wütend. Wer geht schon gern Geld eintreiben bei einem wichtigen Kunden? Der auch noch so eine Art Freund geworden ist, im Laufe der Zeit? Frau Pannek machte mir auf und sah mich ganz seltsam an. Hatte sie Angst? Was war denn los?
Sie sagte, ich mach einen Kaffee, und liess mich vor Wolfgangs Türe stehen. Ich klopfte und machte auf, und Wolfgang sass da an seinem Schreibtisch, grau, unrasiert, übernächtigt, mit rot unterlaufenen Augen, und neben seiner Kaffeetasse stand ein leeres Cognacglas. Sein Aschenbecher quoll über, es stank grässlich nach Rauch. Mir wurde schlecht, und ich ging wortlos ans Fenster und machte es auf. Das tut man nicht, ich weiss schon, aber ich machte es trotzdem.
Wolfgang sagte kein Wort, und ich auch nicht. Ich stand nur am Fenster und atmete die frische Luft und wartete darauf, dass der kalte Rauch aus dem Zimmer abzog. Als Frau Pannek mit dem Kaffee für mich kam, flogen durch den Durchzug ein paar Papiere von Wolfgangs Schreibtisch. Ich schloss das Fenster und ging, um sie aufzuheben.
"Lass nur", sagte Wolfgang. "Lass."
Ich setzte mich in den Besucherstuhl, zog meine Zigaretten aus der Tasche und bot Wolfgang eine an. Er nahm sie.
"Nicht gut, was?" sagte ich.
Wolfgang machte einen tiefen Zug an seiner Zigarette. "Weisst du, was ein Kreisverkehr ist?"
Ich sah ihn nur an.
"Pannek und ich und noch zwei andere. Ich überweise Pannek was, und er schickt es weiter, und der auch, und der schickt es wieder an mich. Kreisverkehr. So denkt die Bank bei uns allen, dass noch was läuft. Aber in Wirklichkeit läuft gar nichts mehr."
Ich sagte nichts. Nahm die Kaffeetasse und blies hinein.
"Das funktioniert natürlich nur, weil wir uns vertrauen können. Wenn einer plötzlich ausschert aus dem Kreisverkehr, gehen wir alle kaputt."
"Bis auf den einen."
"Genau."
"Und deswegen kannst du mir meine Rechnungen nicht zahlen."
"Genau."
"Und wenn ich jetzt darauf bestehen würde, dann würde ich nicht nur dich, sondern auch Pannek und die beiden anderen in die Pfanne hauen."
"Genau."
"Was soll ich also tun?"
"Warten."
"Auf was?"
Wolfgang drückte seine Zigarette aus. "Wenn ich das wüsste. Bessere Zeiten, vermutlich. Willst du einen Cognac?"
"Gern."
Wolfgang stand auf und ging an seinen Büroschrank, schob eine Tür zurück und holte ein Glas und eine Flasche Cognac heraus. Er brachte beides an seinen Schreibtisch, goss mir und sich ein und schraubte die Flasche wieder zu.
"Prost," sagte ich.
"Ja", sagte er, "Prost."
Sein wichtigster Kunde war pleite. Er hatte Wolfgang mit knapp hunderttausend Euro sitzenlassen. Der Konkursverwalter bot einen Vergleich von 30% an. Wolfgang hatte zähneknirschend zugestimmt. 30 Prozent sind immer noch besser als gar nichts, hatte er sich gesagt. Aber nun fehlten ihm 70.000 Euro, und sie fehlten ihm dringend. Er hoffte, dass er bald einen neuen Kunden "an Land ziehen" könne. Er habe zusammen mit Pannek und den anderen das Projekt ausgearbeitet, und nun läge es beim Kunden. Sie warteten auf die Entscheidung.
"Und warum hast du mich nicht gefragt? Hätte ich dir nicht auch helfen können bei dem Projekt?" Ich fühlte mich ausgebootet.
"Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Schliesslich schulde ich dir ja noch eine Menge."
Ich dachte nach. "Und jetzt?" fragte ich dann.
"Du musst einfach warten," sagte Wolfgang resigniert. "Tut mir leid. Aber ich kann dich nur um Geduld bitten. Du weisst, dass du dein Geld bekommst, sobald ich kann."
"Natürlich weiss ich das," sagte ich. "Es ist nur so, dass ich auch Verpflichtungen habe. Und gestern hat die Bank bei mir angerufen. Sie wollte wissen, wann ich denn mal wieder mit Zahlungseingängen rechne. Denn -"
"Ich kenn das Lied," sagte Wolfgang. "Ich kenn es nur zu gut."
Er sah mich an, und ich sah ihn an. Dann stand ich auf und ging ans Fenster. Ich lehnte mich an die Fensterbank und schaute hinaus. So ein schöner Frühlingstag, junges Grün, hellgelbe Blüten, der weissgraue Birkenstamm vor dem Haus. Ein Kind fuhr mit seinem Roller vorbei, ganz eifrig und konzentriert. Von fern hörte ich Vögel singen.
Ich drehte mich um.
"Das mit dem Kreisverkehr," sagte ich. "Was hältst du davon, wenn ich da mit einsteige?"
* * *
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