Eine Kurzgeschichte von Gert Richter
Es ist ein Hohlweg: noch winterlich dreckig gelbbraunes Unkrautgras, feuchter Schmutz mit dem leichten Glitzern tauenden Reifs. Sie geht vor mir her, von mir fort: Die schwarze Frau im schwarzen, schweren Mantel, langes, schwarzes Haar, die Hände in die Manteltaschen vergraben, die Ellenbogen leicht, aufbegehrend ausgestemmt, mit schweren, kräftigen, zupackenden Schritten: zielbewußt und fort -
Ich weiß, daß ich Angst vor ihr habe. Daß ich sie hasse. Und ich möchte schreien, daß sie mich nicht verlasse: Dreht sie sich um? Sieht sie mich? Hört sie mich? Denkt sie mich?
Aber ich muß, ich muß sie erreichen. | Und doch ist da kein Weg: Grausame Krankenschwester, gütige Hexe, sanfte, schmeichelnde Lügnerin - ja, du weißt dein Ziel. Und ich?
Wie ich so stolpernd renne durch den Matsch, den Blutgeschmack im Mund, brennendes Keuchen unter der Last ihres Koffers - du hast ihn nicht einfach vergessen, denke ich: um den Hals gehängt hast du ihn mir, zynisch lächelnde Grausamkeit kurz bevor du gingst.
Aus gelbem Geäst wächst ein verwitterter Torbogen, ziegelgedeckt. Hindurch tritt sie und ist verschwunden und ich stöhne auf und zwinge mich ihr nach. Eine lange Rolltreppe führt hinunter: sieh, da ist sie noch, sie steigt um in eine zweite, die sich windet nach links. Hinab, und viel zu langsam geht die Fahrt, aber ich bin dankbar, daß ich zu Atem kommen kann.
Endlich unten: wo bist du hin? Überall Züge, Gleise, Menschen auf den Bahnsteigen, bemerkt mich denn niemand?
Doch, sie schauen mich an, aber da ist keiner, der mich erkennt. Und die Menge drängt mich ab, durch die Sperre, warum geht das nicht voran
und warum gerade hier, mein Gott, wo bist du denn nur hin, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Eine trockene Träne spült einen Güterzug heran. Den Koffer werfe ich auf den nächsten Waggon, einen flachen, ungedeckten, und springe hinterher. Ganz leicht geht das, warum ist das so leicht? Ich bin allein. Niemand im Zug, ein sanftes Vorwärts, ein Wiegen und sachtes Dröhnen, rhythmisch -
Ich möchte einschlafen, aber darf ich denn: Ausschau muß ich doch halten nach dir, die ich so hasse, wirst du mich bestrafen, wenn ich eine Sekunde lang nur schlafe, vergesse, träume? Angst hält mich wach, und ich sehe den Hohlweg, in den wir gleiten. Breiter wird er und heller, da ist Sonne, Wärme, Licht, und eine Amsel singt ihr Lied und betet das Leben an.
Und mein Panzer reißt und zerfließt und ich spüre die Schwere, die schöne Schwere, und atme und schmecke und ich - ich - ich!
Siehe: ein Haus! durchfährt mich jähes Glück, ein Haus, und ganz ungeduldig vor Aufregung werde ich und nehme den Koffer am Griff, bereit: den Absprung darf ich, werde ich nicht verpassen, also paß auf, gleich, gleich! Und es geht ganz leicht, ein sanfter Stoß nur, der Koffer will sich mir aus der Hand reißen, aber ich habe ihn ja fest: Boden unter den Füßen, noch schwanke ich, aber da ist ja die Richtung: das Haus.
Ruhiger, spüre ich, schlägt mir der Puls, und in Freude gehe ich meinen Weg. Es ist nicht weit, und so schön anzusehen ist das Haus: Gelb verputzt, mit Simsen und einem blanken Messingschild an der Tür, einer schweren, sicheren braunen Tür, vier, fünf Stufen führen hinauf, und ich fasse nur leicht das Geländer, als ich hochsteige, gut fühlt sich's an, das kalte Metall.
Es öffnet sich die Tür. Ich habe nicht zu klopfen brauchen - gütige, kleine Frau, die du mir öffnest! Kummer hast du gehabt und wohl noch, du hast ein Gesicht, in dem es steht: Dein kleines, scheues, freundliches Lächeln ist Trost und Willkommen daheim. Schmal bist du und wirkst so schwach, so allein. Aber nein - ein Bernhardiner streckt vorwitzig seine Nase an dir vorbei, schnuppernd, wer ich sei. Es ist schön, eine feuchte, kalte Nase an der Hand zu spüren -
Wir gehen in den Hof. Klein ist er, aber freundlich, sonnig ist's da, hohe Mauern ringsumher und ein wenig Efeu und zwei, drei Tulpen im Beet. Eine Emailschüssel steht da, sehr alt schon und mit abgeblätterten Stellen, Fressen ist darin für den Hund, und er macht sich drüber her mit Behagen.
Meinen Koffer habe ich abgestellt, nicht mehr wirklich wichtig ist er mir jetzt. Wir sprechen wenig miteinander, und doch meine ich, wir verstehen uns gut. Ich frage die kleine, schmächtige Frau, wie sie heißt, und sie sagt: Frau Gott.
Gern will ich dir helfen, kleine, liebe Frau: Das Geschirr ist ja viel zu schwer für dich, diese vielen Teller und Terrinen und Schüsseln mit dem schmalen Goldrand, der schon so abgestoßen ist. Gern helfe ich dir und trage es mit dir auf die Mauern vor der Treppe vom Hintereingang, daß die Sonne sich drin spiegeln mag im blanken, sauberen Geschirr. Und wir tragen es heraus und stapeln es auf, und wenn wir uns begegnen bei der Arbeit, schauen wir uns an und ins Auge und erkennen uns und da ist ein Lächeln. Ich hab' dich lieb, denke ich einmal und Freude ergreift mich, dabei: ich kenne dich doch gar nicht, aber was macht das?
Der Bernhardiner in seiner Neugier schnüffelt an dem Tellerstapel und stupst mit der Nase daran, aber nichts fällt herunter. Und freundlich, befriedigt tapst er davon.
Es fröstelt mich, da, jetzt wieder, woher diese Kälte im Genick? Und da taucht sie auf: Schwarz über die Mauer steigt sie, das Maskengesicht, die rächende Handausstreckerin, wächst empor ins Riesenhafte und mit einem kleinen Schritt ist sie im Hof und füllt den ganzen Raum. Und Forderung, Drohung greift um sich und sie deutet auf den Koffer und ich weiß wieder: ich hatte ihn vergessen für eine Zeit, ein kleines Glück lang.
Die Angst explodiert in meinem Leib: Welche Schuld! Welche Schuld!
Und sie greift, kein Wort, kein Blick, kein Mienenspiel, den Koffer, nimmt ihn, während ich zitternd zusehe und nicht weiß: was wird sie mir tun? Wird sie mir etwas tun? Und die kleine gütige Frau Gott steht in der Ecke vom Hof, Ernst im Gesicht und Leid und Ohnmacht, die Hände gefaltet.
Und die schwarze Helferin verdunkelt die Sonne und geht die Treppe hinauf. Und wie sie verschwinden will, den rechten Arm in der Manteltasche vergraben, den Ellenbogen leicht ausgestemmt, da stößt sie ans Geschirr und stößt es um und wirft es herunter und es ist so unsagbar laut und kaputt -
Stille. Sie schaut sich um, Frau Gott an, dann mich:
Legt den Koffer hin, macht ihn auf und schüttet ihn um: Lauter Fotokopien, alt und vergilbt. Ein wertloses Nichts, vermodernder Ballast.
Frau Gott schaut mich an und nimmt mein namenloses Entsetzen wahr und gibt mir ein Zeichen, so daß ich fliehe in panischem Schreck.
Zum Glück: eine langgestreckte Lagerhalle kommt da, grau mit ein wenig Schmutz. Eine Werkstatt ist's, und ein Mann sitzt im Glaskasten des Meisters, klein ist er und dick und mir kommt er schmierig vor. Graue Haare hat er und Falten im Gesicht, und er wirkt ungeduldig. Niemand sonst habe ich, und so sprudele ich hervor, was geschehen ist, in unzusammenhängenden Sätzen - ich bin ja noch ganz außer Atem vor Angst und Flucht.
Er hört sich's an, widerwillig, mit dicken, häßlichen Fingern auf der verschmierten Tischplatte malend, und dann, nachdem ich fertig bin und bang warte und lange nichts kommt und ich doch so ungeduldig bin -
da sagt er: »Ich werde den Schaden ersetzen.«
Aber ich glaube ihm kein Wort.
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